WISSEN

Sonnentau vermehren: Blattstecklinge, Wurzeln, Gemmen

Für Sonnentau nennen die ausgewerteten Quellen Blattstecklinge, Wurzelstecklinge, Samen und bei Zwergarten Gemmen. Welche Methode passt, hängt von der Gruppe ab. Für Sonnentau allgemein beschreibt John Brittnacher (ICPS) Blattstecklinge ausführlichS1; Drosera capensis nennt er dort nicht ausdrücklich. Eine Studie an einer Form von D. capensis liefert Anhaltspunkte, aber keine ErfolgsquoteS3. Zwergarten vermehrt man laut Brittnacher meist über GemmenS1, S2.

AUF EINEN BLICK

→

Brittnacher: Blattstecklinge sind bei den meisten Drosera einfach, bei D. regia, Zwerg- und Knollenarten nichtS1.

→

Blatt am Stiel abschneiden, in reines Wasser oder feuchte Unterlage legen, hell und sehr feucht halten; im ersten Monat passiert laut Brittnacher kaum etwasS1.

→

Studie an D. capensis (Breitblattform, 30 Blätter je Behandlung): Ein Auxin-Bad (K-IBA, 100 ppm) hemmte die Pflänzchenbildung stark. Mittelrippen-Schnitt (bis Woche 4; laut Autoren weiter zu bestätigen) und Cytokinin-Bad (Woche 6) lagen vornS3.

→

Unter den Bedingungen der Studie (Vernebelung, etwa 24 °C) empfehlen die Autoren, die Pflänzchen nach drei bis fünf Wochen vom Blatt zu nehmenS3.

→

Wurzelstecklinge (abgetrennte Wurzelstücke): eine Option bei Arten mit dicken Wurzeln; Rice nennt dieselbe Technik wie bei Blattstecklingen, zu Länge, Dicke und Zeitpunkt der Wurzelstücke steht in keiner Quelle etwasS1, S4.

→

Zwergsonnentau: Bei ausreichenden jahreszeitlichen Lichtreizen bilden die Pflanzen laut Brittnacher im Spätherbst/Frühwinter Gemmen (seine Terrarienpflanzen taten es nicht); man legt sie in hohe Töpfe, in denen die Pflanzen bleiben, denn Umpflanzen vertragen sie nichtS2.

Worauf sich dieser Beitrag stützt

Dieser Beitrag betrifft Sonnentau (Drosera), im Schwerpunkt Drosera capensis (Kap-Sonnentau). Die Aussagen stützen sich auf vier Stimmen: John Brittnacher, der als Einzelautor zwei Anleitungen auf der Seite der International Carnivorous Plant Society (ICPS) geschrieben hat, zu BlattstecklingenS1 und zu Gemmen der Zwergsonnentau-ArtenS2 (eigene Erfahrung, keine Studie); eine Untersuchung von McNair, Wilkins und Werner (North Carolina State University) in der Carnivorous Plant NewsletterS3; Barry Rice in der Carnivorous Plant FAQ (ebenfalls Einzelautor)S4; und das Pflanzenprofil der Royal Horticultural Society (RHS)S5. Eine Erfolgsquote als Zahl nennt keine der Quellen im Text, und keine nennt einen Kalendermonat für Stecklinge. Die Quellen stammen aus den USA bzw. Großbritannien; Bedingungen bei dir können abweichen.

Einige Begriffe vorab:

  • Wurzelsteckling: ein abgetrenntes Stück Wurzel, aus dem eine neue Pflanze austreiben soll.
  • Gemme: laut Brittnacher ein abgewandeltes Blatt mit einer kleinen Wachstumsknospe in der MitteS2.
  • Klon: eine genetisch identische Kopie der Mutterpflanze.
  • Sphagnum: Torfmoos.
  • Auxin und Cytokinin: Pflanzenhormone, die Wurzel- bzw. Sprossbildung beeinflussen.
Kap-Sonnentau im Topf, daneben ein abgeschnittenes Blatt auf Torfmoos und ein Glas mit Wasser

Welche Methode für welche Gruppe?

Brittnacher sortiert nach GruppenS1:

  • Die meisten Drosera-Arten: Blattstecklinge seien ein „einfacher und schneller“ Weg, auch wenn nicht alle Arten leicht seien.
  • Drosera regia: Blattstecklinge seien „besonders schwierig“. Für diese und viele Arten mit dicken, strangartigen Wurzeln könnten Wurzelstecklinge gut funktionieren. Rice nennt Wurzelstecklinge für viele Drosera, besonders solche mit dicken WurzelnS4.
  • Zwerg- und Knollen-Drosera (sehr kleine Arten bzw. Arten mit unterirdischer Knolle): Blattstecklinge seien unpraktisch, weil die Blätter dünn seien und kaum Sprosse bildeten. Zwergarten vermehre man meist über Gemmen, Knollenarten am besten über Samen oder Sterilkultur (Vermehrung im Labor).
  • Arten der Drosera-petiolaris-Gruppe: Das Blatt müsse samt Nebenblatt (Stipel) vom Stängel abgezogen werden, wobei man die Pflanze beschädigen könne; selbst ein sauber abgezogenes Blatt garantiere keine neuen Pflanzen.

Unsere Einordnung: Bevor du anfängst, solltest du wissen, zu welcher dieser Gruppen deine Art gehört.

Blattstecklinge: so beschreibt es Brittnacher

Brittnacher nennt als Vorteil gegenüber Aussaat: Blattstecklinge ergäben „exakte Klone“ der Mutterpflanze, während Sämlinge genetisch stark variierten; zudem brächten Stecklinge tendenziell schneller reife Pflanzen als Samen. Für eine sterile Hybride wie Drosera × hybrida sei der Blattsteckling der einzige WegS1. McNair und Kollegen schreiben, dass bei der Vermehrung von Sorten ungeschlechtliche Vermehrung nötig seiS3.

Sein VorgehenS1. Er beschreibt es für Sonnentau allgemein; Drosera capensis nennt er dort nicht:

  • Zeitpunkt: wenn die Pflanze kräftig wächst; geeignet seien voll geöffnete, taureiche Blätter, etwa die besten drei oder vier je Pflanze.
  • Schnitt: Rasierklinge, Skalpell oder Präparierschere, am Blattstiel (dem Teil ohne Tau).
  • Unterlage: am saubersten sei reines Wasser, also destilliertes oder Umkehrosmosewasser. Die Blätter schwimmen mit der Tentakelseite nach oben etwa einen Zentimeter hoch im Wasser in einem verschlossenen Glas oder Reagenzglas; trübt sich das Wasser, wird es gewechselt. Alternativ gehe fast alles, worin auch die erwachsene Pflanze wächst: lebendes oder getrocknetes, langfaseriges Sphagnum, Torf, Torf-Sand-Gemisch oder Sand. Nachteil dieser Unterlagen: Schimmel, Cyanobakterien und Moossporen könnten die Blätter beeinträchtigen.
  • Umgebung: sehr hell, aber unter Leuchtstofflampen nicht näher als 30 Zentimeter; bei Töpfen im Beutel oder geschlossenen Terrarium Luftfeuchte 100 Prozent.
  • Beschriftung: Name und Datum gehören ans Gefäß, denn das Warten werde sich wie eine Ewigkeit anfühlen.

Zur Dauer sagt er: Im ersten Monat oder so passiere kaum etwas. Drosera filiformis und D. binata könnten im zweiten Monat schnell austreiben, D. slackii könne fünf Monate warten. Nicht jedes Blatt gelinge; solange noch Grün oder Rot am Blatt sei, solle man nicht aufgeben. Haben die Pflänzchen ein paar Blätter, pflanzt er sie in ihr bevorzugtes Substrat, etwa Torf-SandS1.

Rice beschreibt es knapper: möglichst viel vom Blatt abschneiden, auf eine feuchte Torf- oder Sphagnumschicht legen (vielleicht teilweise eingraben), feucht halten, helles Licht; das funktioniere bei vielen DroseraS4. Substrat und Wasser: Welches Substrat für welche Karnivore, Welches Wasser brauchen Karnivoren wirklich?.

Winzige Sonnentau-Pflänzchen verteilt auf sandigem Substrat in einem quadratischen Topf

Was die Studie an Drosera capensis zeigt

McNair, Wilkins und Werner testeten nur eine Form: die Breitblättrige Form (Broadleaf) von D. capensisS3. Je Behandlung wurden 30 Blätter verwendet, auf drei Schalen verteilt; das ist eine kleine Stichprobe, und eine statistische Auswertung nennen die Autoren nicht. Verwendet wurden die jüngsten voll entfalteten Blätter, mit der Unterseite nach unten auf 1:1 Torf und gemahlenem Sphagnum, in einem Gewächshaus bei durchschnittlich 75 °F (etwa 24 °C) unter Vernebelung. Verglichen wurden eine unbehandelte Kontrolle, zwei Verwundungen (Schnitt längs der Mittelrippe, der kräftigen Mittelader des Blatts; etwa zehn Nadelstiche) sowie je ein zehnsekündiges Tauchbad in Auxin und in Cytokinin.

Ergebnisse laut TextS3:

  • Ob ein Blatt überhaupt Pflänzchen bildete, unterschied sich kaum zwischen den Behandlungen. Eine Ausnahme: Das Auxin-Bad (K-IBA, 100 ppm) hemmte die Pflänzchenbildung stark.
  • Der Schnitt in die Mittelrippe brachte bis etwa Woche 4 mehr Pflänzchen je Blatt als alle anderen Behandlungen, war aber nur wenig besser als die Kontrolle; die Autoren schreiben, dafür sei weitere Forschung nötig, um es sicher zu bestätigen. Das Cytokinin-Bad führte bis Woche 6 zu den meisten Pflänzchen.
  • Die Autoren halten es für möglich, dass der Mittelrippen-Schnitt zeit- und kostengünstiger ist als das Cytokinin-Bad; eine Empfehlung für die Hobbyhaltung geben sie nicht.
  • Unter ihren Bedingungen sollten die Pflänzchen zwischen der dritten und fünften Woche vom Blatt genommen und eingepflanzt werden; nach fünf Wochen begannen sie zu sterben, weil sie konkurrierten (außer bei Cytokinin). Viele Knospen wurden nicht zu Pflänzchen, „wahrscheinlich“ wegen Algen und Pilzen auf der Unterlage.

Was daraus nicht folgt: Die Studie sagt nichts über andere Formen oder Arten; die Autoren selbst regen an, andere Unterlagen und Arten zu testen. Im Text steht keine Erfolgsquote als Zahl. Der Vergleich mit Brittnachers Anleitung ist nur bedingt möglich: Bei ihm gilt das für Wasser wie für Torf- oder Sphagnum-Unterlagen: Im ersten Monat passiert laut ihm kaum etwasS1; die Studie arbeitete mit Vernebelung bei etwa 24 °C, und die Knospenbildung war in den ersten drei Wochen rasch (außer beim Auxin-Bad)S3. Unsere Einordnung: Unterschiede in Art, Unterlage und Bedingungen, vielleicht auch darin, ob Knospen oder fertige Pflänzchen gezählt werden, könnten das erklären; belegen lässt es sich mit diesen Quellen nicht.

Wurzelstecklinge und Samen

Für D. capensis schreiben McNair und Kollegen einleitend, die Art lasse sich aus Blatt- und Wurzelstecklingen vermehren; eigene Daten haben sie nur zu Blattstecklingen. In Kultur werde Samen bevorzugtS3. Die RHS nennt für die Art Samen, Weichholzstecklinge oder Wurzelstecklinge in der Ruhezeit; was Weichholzstecklinge bei dieser Rosettenpflanze bedeuten, erklärt sie nicht. Bei den Pflanzendaten gibt sie 1 bis 2 Jahre bis zur ausgewachsenen Pflanze an, ohne zu sagen, ab welchem AusgangsmaterialS5. Wie dick oder lang ein Wurzelstück sein soll, steht in keiner der Quellen. Rice nennt den Wurzelsteckling die „gleiche Technik“ wie Blattstecklinge, geeignet für viele Drosera, besonders solche mit dicken WurzelnS4. Zur Aussaat: Karnivorensamen stratifizieren. Für eine andere Art: Venusfliegenfalle vermehren.

Zwergsonnentau: Gemmen statt Stecklinge

Bei Zwergarten seien Gemmen laut Brittnacher der einfachste und für manche Hybriden der einzige WegS2. Er schreibt, die Pflanzen bildeten sie im Spätherbst und Frühwinter, wenn sie genug jahreszeitliche Lichtreize bekommen (er hielt sie in Kalifornien im Freien); seine Pflanzen im Terrarium taten es nicht. Zwergarten hätten eine lange, sehr empfindliche Wurzel und stürben meist, wenn sie brecheS2.

Seine AnleitungS2:

  • Hohe Töpfe (9 cm Kantenlänge, 10 cm hoch), Torf mit 50 bis 75 Prozent Sand oder Perlit.
  • Gemmen mindestens 1 cm auseinander legen, weil sie dort bleiben, wo sie gepflanzt werden; leicht übersprühen, optional dünn Sand darüber.
  • Zum Verschicken legt er sie in ein feuchtes Papiertuch; Sendungen anderer mit trockenem Tuch oder ganz ohne Unterlage seien bei ihm tot angekommen.

Unsere Einordnung: Die Gemmenanleitung behandelt nur Zwergarten und sagt nichts über D. capensis. Wenn deine Sonnentau-Pflanzen kaum Tau bilden, lies zuerst Sonnentau ohne Tau.

Fazit: Die Quellen beschreiben für Sonnentau mehrere Wege, aber nur Blattstecklinge (allgemein für Sonnentau) und Gemmen (nur Zwergarten) genauer. Unsere Einordnung: Für D. capensis ist nur die StudieS3 artspezifisch, und sie liefert Hinweise ohne Erfolgsquote und ohne Übertragbarkeit auf andere Formen oder Arten. Die Hinweise zu gesunden Blättern einer kräftigen Pflanze, sauberer Unterlage, Geduld und Beschriftung mit Datum stammen von Brittnacher für Sonnentau im AllgemeinenS1; für D. capensis sind sie nicht eigens belegt. Bei Zwergarten führt der Weg über GemmenS2. Erst die Gruppe deiner Art klären, dann die passende Methode wählen.

Quellen

S1 John Brittnacher (Einzelautor), International Carnivorous Plant Society: Drosera Leaf Cuttings (2011 (Jahr laut Zitat in S3; Seite ohne Datum)). Einzelautor, Praxisanleitung.

S2 John Brittnacher (Einzelautor), International Carnivorous Plant Society: Pygmy Drosera Gemmae Step-by-Step (ohne Datum). Einzelautor, Praxisanleitung, Zwergarten.

S3 McNair M., Wilkins A., Werner D., Carnivorous Plant Newsletter 41(4):140-142: Wounding and chemical treatment effects on Drosera capensis bud formation on leaf cuttings (2012). Volltext (PDF) gelesen; Technical Refereed Contribution; nur D. capensis Breitblattform; kleine Stichprobe (30 Blätter je Behandlung).

S4 Barry Rice: The Carnivorous Plant FAQ: How do I propagate my plants by asexual reproduction? (2018). Einzelautor-Werk (FAQ v. 12).

S5 Royal Horticultural Society: Drosera capensis (Cape sundew) (abgerufen 2026). Pflanzenprofil, britische Angaben.