WISSEN

Karnivoren gegen Fruchtfliegen und Mücken: Was bringt's?

Manche Karnivoren fangen kleine Fliegen: Bei den untersuchten Arten (Pinguicula moranensis, P. vulgaris, Drosera rotundifolia) waren Zweiflügler in Feldstudien die häufigste Beutegruppe, bei Fettkraut nennen Beobachtung und Studie auch TrauermückenS4, S6, S7, S8. Es gibt Gegenbeispiele: Die Venusfliegenfalle fing in einer Feldprobe kaum FliegenS10. Dass eine Pflanze einen Befall im Haus beseitigt, belegt keine der ausgewerteten Quellen. Zu Fruchtfliegen fanden wir keine Fangstudie. Entscheidend bleibt die BrutstätteS16, S18, S19.

Du siehst Fruchtfliegen oder Mücken in der Wohnung und fragst dich, ob eine Venusfliegenfalle, ein Sonnentau oder ein Fettkraut das Problem erledigt. Die Frage zu Trauermücken behandelt der Beitrag Trauermücken: Können Pinguicula und Drosera einen Befall beseitigen? ausführlich; hier geht es um die breitere Einordnung.

AUF EINEN BLICK

→

Bei Fettkraut nennen Fleischmann (Beobachtung) und eine Feldstudie an Pinguicula moranensis Trauermücken als häufige Beute; bei P. vulgaris dominierten KriebelmückenS4, S6, S7.

→

Die Studien beschreiben die Beute, nicht die Wirkung auf einen Befall; ein Laborversuch (Kurzfassung) hält Pflanzen als Ergänzung zur Überwachung in Gewächshäusern für denkbarS5.

→

Auf einer RHS-Seite steht in den Tipps von Matt Soper (Hampshire Carnivorous Plants), Venusfliegenfallen seien nicht die besten Fliegenfänger; in einer Feldprobe von 580 Fallen überwogen Spinnen und AmeisenS3, S10.

→

Trauermücken brüten in feuchter Erde, Fruchtfliegen in überreifem, gärendem Obst und AbflüssenS16, S18, S19.

Was Karnivoren fangen – und was nicht

Fettkraut (Pinguicula). Fleischmann nennt nebenbei in einem Aufsatz über Drosera-Duft Trauermücken und Pilzmücken als großen Anteil der Beute klebriger Fettkraut-Blätter, nach eigener Beobachtung („pers. obs.“)S4. Eine Feldstudie an Pinguicula moranensis in einem mexikanischen Wald fand Zweiflügler (Diptera) als häufigste Beutegruppe mit 53,6 % der Beute. Innerhalb der Zweiflügler waren 64,7 % TrauermückenS6.

Sonnentau (Drosera). In einem englischen Hochmoor waren Zweiflügler bei Drosera rotundifolia die häufigste Ordnung (57–84 % des Fangs, einschließlich künstlicher Fallen-Attrappen); Trauermücken oder Fruchtfliegen werden nicht einzeln genanntS8. Anders Drosera glanduligera: Sie fängt in der Natur überwiegend nicht fliegende GliedertiereS12.

Kannenpflanzen. Bei Sarracenia im Freiland machten Zweiflügler 26 % der Beute aus, Hymenopteren 46 %S9. Bei Nepenthes fällt es sehr unterschiedlich aus: N. madagascariensis fing überwiegend Ameisen (80,2 %) und nur 9,7 % FliegenS22, bei N. campanulata dominierten ZweiflüglerS21.

Venusfliegenfalle (Dionaea). In den Tipps von Matt Soper (Hampshire Carnivorous Plants) auf einer RHS-Seite steht, Venusfliegenfallen seien nicht die besten FliegenfängerS3. In einer Feldprobe von 580 Fallen bestand die Beute zu 31 % aus Spinnen, zu 26 % aus Ameisen und zu 12 % aus Käfern; der Forscher John Hutchens sagt: „We found very few flies“ (Newsletter der Coastal Carolina University, Pressetext, keine Studie)S10.

Nahaufnahme eines Fettkraut-Blatts mit mehreren kleinen dunklen Fliegen auf der klebrigen Blattoberfläche

Was Studien zur Fangleistung zeigen

Die ausgewerteten Studien zählen, welche Tiere an den Pflanzen hängen; ob ein Bestand im Raum sinkt, messen sie nicht. Auch der große Datensatz zu Beutefang (86 Datensätze, 45 Arten) führt Zweiflügler nur als eine Spalte ohne FamilienS23. Bei Pinguicula vulgaris in Nordschweden waren etwa 85 % von 915 Tieren Kriebelmücken; die Autoren nennen große Bestände, Standorttreue an Seeausflüssen und Aktivität nahe am Boden als GrundS7. Unsere Einordnung: Die Beute unterscheidet sich je nach Studie starkS7, S10, S22; das spricht dafür, dass der Fang von Art und Standort abhängt, nicht für eine allgemeine Eignung als Fliegenfalle.

Zum Duft gibt es erste Hinweise, aber keine Beweise: Bei Sarracenia hängen Duftstoffe und Beute zusammen, die Autoren halten Geruchsversuche für nötig; zwei Benzoesäureester gelten als anlockend für Fruchtfliegen, getestet wurden diese dort nichtS9. Das Taublatt (Drosophyllum) duftet stark honigartig, ein Beutespektrum nennt die Quelle nichtS4.

Für Trauermücken gibt es eine Laboruntersuchung (Kurzfassung): Erwachsene Bradysia difformis bevorzugten in Wahlversuchen Fettkraut gegenüber Drosera capensis. Die Autoren halten Pflanzen in Gewächshäusern als ergänzende Überwachungswerkzeuge für möglich; eine Befallsminderung nennt die Kurzfassung nichtS5.

Fruchtfliegen tauchen in den ausgewerteten Quellen vor allem als Futter auf: Wiggins berichtete 1980, Zuchtfliegen mit Stummelflügeln (Drosophila melanogaster) hätten das Wachstum seiner Pflanzen deutlich gesteigert, kleinere Sonnentau-Arten und größere Venusfliegenfallen konnten die Beute aber manchmal nicht haltenS13; auch bei D. glanduligera wurden sie im Labor gefüttertS12. Das sind Fütterungen, keine Messungen gegen Haushaltsbefall.

Fruchtfliegen oder Trauermücken? Die Unterschiede

Trauermücken (Sciaridae).

  • Die Weibchen legen Eier in feuchtes organisches Material oder BlumenerdeS17; die Larven fressen im oberen Substrat Pilze, Algen und organisches Material, und zu hohe Substratfeuchte ist laut University of Georgia der Hauptgrund für Befall in WohnungenS16.
  • Erwachsene Tiere schaden Pflanzen und Menschen nicht, gelten aber als BelästigungS17; die Larven können Jungpflanzen und Sämlinge bremsenS16.

Fruchtfliegen (Drosophila).

  • Sie werden mit überreifem und gärendem Obst und Gemüse in Verbindung gebrachtS18; weitere Brutstätten sind Reste zuckerhaltiger GetränkeS19.
  • Im Haus ist ein langsamer oder selten genutzter Abfluss mit Schleimfilm die wahrscheinlichste QuelleS18; die meisten Arten befallen unbeschädigtes Obst nichtS20.

Unsere Einordnung: Weil die Brutorte verschieden sind, kann die Beobachtung, wo die Tiere auftauchen (an der Erde oder an Obst und Abfluss), ein erster Hinweis sein; sicher ist sie nicht. Keine Seite stellt beide Gruppen nebeneinander; das ist unser Schluss.

Karnivorentopf mit heller Sandschicht auf dem Substrat und daneben eine Obstschale auf einer Fensterbank

Wirklich eine Lösung? Was die Quellen sagen und offenlassen

  • Barry Rice schreibt im Carnivorous Plant FAQ (Fachwebseite eines Einzelautors, kein Peer-Review), Fettkraut sei offenbar nützlich beim Fangen von Trauermücken; bei Orchideengärtnern sei es aber keine besonders wichtige Bekämpfungsmethode, sondern eher ein Anzeiger für steigende Bestände. Bei gelegentlichen Hausfliegen (nicht Fruchtfliegen) könnten ein paar Drosera capensis helfen, bei vielen reichten wenige Pflanzen nicht; das ist ein Erfahrungsrat ohne MessdatenS1.
  • Laut ICPS sehen viele Halter erwachsene Trauermücken bestenfalls als Futter, schlimmstenfalls als Plage; die ICPS rät, sie nicht zu fördern, weil dort, wo Erwachsene sind, meist Larven folgen. Zu Pflanzen als Bekämpfung äußert sich die Seite nichtS14.
  • Die RHS rät unter der Überschrift „Get rid of gnats and flies in your home“, einige Sonnentau-Pflanzen in die Nähe von Zimmerpflanzen oder Sämlingen zu stellen; sie sollten helfen, Trauermücken und Blattläuse „in Schach zu halten“. Wie gut das wirkt, sagt die Seite nicht; die Überschrift verspricht mehr als der TextS2.

Unsere Einordnung: Der Ton ist unterschiedlich, aber nicht gemessen widersprüchlich: Die RHS spricht von Sonnentau, Rice von Fettkraut im Orchideengewächshaus; keine der drei Quellen nennt Zahlen zur WirkungS1, S2, S14.

Stechmücken. Rice schreibt, Karnivoren zögen Stechmücken nicht an; Wasserschalen könnten sogar Brutplätze seinS1.

Verursachen die Pflanzen den Befall? Trauermücken-Larven brauchen feuchtes SubstratS16, S17, und die meisten Karnivoren brauchen laut USBG in der warmen Zeit „moist-to-wet soil“S24; der Autor des ICPS-Leitfadens für mexikanisches Fettkraut verwendet bis zu 2 cm Wasser in der SchaleS15. Dass Karnivorentöpfe deshalb häufiger befallen werden, belegt keine Quelle; das ist unser Schluss, kein Befund. Gefährdet sind sie aber: Die Larven seien ein besonders ernstes Problem für kleine Karnivoren und fräßen SämlingeS14.

Was zuerst dran ist: Hinweise der Quellen

Bei Fruchtfliegen nennen die Hochschulquellen die Brutstätte als Ansatzpunkt: Colorado State hält es für „essential“, Nahrungsquellen zu finden und zu entfernen; Fallen mit Essig, Bier oder zerdrücktem Obst fangen ErwachseneS19. Insektizidsprays erledigen laut Iowa State nur die gerade anwesenden ErwachsenenS18.

Bei Trauermücken richtet sich die Bekämpfung laut University of California auf die Larven: weniger Feuchtigkeit und organischer Abfall, dazu Bti, das meist wiederholt angewendet werden mussS17. Die ICPS rät Karnivoren-Haltern zu einer rund 5 mm dicken Schicht groben Gartenbausands auf dem Substrat und stellt die Änderung der Haltungsbedingungen vor BehandlungenS14. Unsere Einordnung: Trockenes Substrat vertragen nicht alle Karnivoren, die meisten brauchen in der warmen Zeit feuchten bis nassen BodenS24; die artspezifische Abwägung steht im Beitrag zu Trauermücken (siehe Einleitung). Zum Substrat selbst: Warum wird das Substrat meiner Karnivore grün?.

Was die Quellen nicht klären

Unser Ergebnis aus der Auswertung, deshalb ohne Quellenmarke:

  • Wir fanden keine Studie, die wilde Fruchtfliegen als Beute einer Karnivore misst.
  • Wir fanden keinen Versuch, ob eine Pflanze einen Befall im Wohnraum verkleinert.
  • Beim Taublatt kennen wir kein Beutespektrum, bei Nepenthes nur zwei Arten.
  • Die RHS belegt ihre Sonnentau-Empfehlung nicht.

Fazit: Manche Karnivoren fangen kleine Fliegen; bei Fettkraut sind nach Beobachtung und Feldstudie auch Trauermücken darunter, je nach Art und Standort fällt der Fang aber sehr unterschiedlich ausS4, S6, S10. Dass eine Pflanze einen Befall beseitigt, belegt keine der ausgewerteten Quellen; Rice sieht Fettkraut im Orchideengewächshaus eher als Anzeiger, die RHS rät zu Sonnentau, der Trauermücken „in Schach halten“ soll, beide ohne ZahlenS1, S2. Zu Fruchtfliegen fanden wir keine Fangstudie. Wer einen Befall loswerden will, beginnt bei der Brutstätte: bei Fruchtfliegen Obst und Abfluss, bei Trauermücken das Substrat, bei Karnivoren, ohne die Pflanze auszutrocknen (siehe Beitrag zu Trauermücken)S16, S18, S19.

Quellen

S1 The Carnivorous Plant FAQ: Will carnivorous plants control my bug populations? (2018). Abgerufen am 15.10.2026.

S2 How to grow carnivorous plants (RHS Growing Guide) (o. J.). Abgerufen am 15.10.2026.

S3 How to care for a Venus fly trap (o. J.). Abgerufen am 15.10.2026.

S4 Olfactory prey attraction in Drosera? (Technical Refereed Contribution), Carnivorous Plant Newsletter 45(1): 19–25 (2016). Abgerufen am 15.10.2026.

S5 Carnivorous plants as a potential monitoring tool for Bradysia difformis in greenhouse systems, IOBC-WPRS Bulletin 185: 68–69 (Kurzfassung) (2026). Abgerufen am 15.10.2026.

S6 Diversity of arthropods preyed upon by the carnivorous plant Pinguicula moranensis (Lentibulariaceae) in a temperate forest of central Mexico, The Southwestern Naturalist 56(1): 78–82 (Kurzfassung) (2011). Abgerufen am 15.10.2026.

S7 Predation on black flies (Diptera: Simuliidae) by the carnivorous plant Pinguicula vulgaris in northern Sweden, Entomologica Fennica 15: 124–128 (2004). Abgerufen am 15.10.2026.

S8 Red trap colour of the carnivorous plant Drosera rotundifolia does not serve a prey attraction or camouflage function, Biology Letters 10(4): 20131024 (2014). Abgerufen am 15.10.2026.

S9 Volatile organic compounds influence prey composition in Sarracenia carnivorous plants, PLoS ONE 18(4): e0277603 (2023). Abgerufen am 15.10.2026.

S10 CCU scientists take on Darwin's flytrap theory (Universitäts-Newsletter, Pressetext, keine Studie) (o. J. (vermutlich 2010)). Abgerufen am 15.10.2026.

S12 Catapulting Tentacles in a Sticky Carnivorous Plant, PLoS ONE 7(9): e45735 (2012). Abgerufen am 15.10.2026.

S13 How to Raise Fruit Flies as Food for Carnivorous Plants, Carnivorous Plant Newsletter 9 (Juni 1980): 43–45 (1980). Abgerufen am 15.10.2026.

S14 Fungus Gnat Larvae (Pests) (o. J.). Abgerufen am 15.10.2026.

S15 Growing Mexican Pinguicula (geschrieben 2001, aktualisiert 2022) (2022). Abgerufen am 15.10.2026.

S16 Fungus Gnats: A Tiny Nuisance of Houseplants (Circular 1250) (2022). Abgerufen am 15.10.2026.

S17 Fungus Gnats (Pest Notes, Publication 7448) (o. J.). Abgerufen am 15.10.2026.

S18 Fruit, Vinegar, and Pomace Flies (o. J.). Abgerufen am 15.10.2026.

S19 Drosophilid flies (Drosophila spp.) (o. J.). Abgerufen am 15.10.2026.

S20 Fruit Flies (Home and Landscape) (o. J. (Seite © 1996–2026)). Abgerufen am 15.10.2026.

S21 Observations of the natural history and ecology of Nepenthes campanulata, Carnivorous Plant Newsletter 43(1): 7–13 (Kurzfassung) (2014). Abgerufen am 15.10.2026.

S22 Prey composition of the pitcher plant Nepenthes madagascariensis, Journal of Tropical Ecology 26(4): 365–372 (Kurzfassung) (2010). Abgerufen am 15.10.2026.

S23 Prey Capture by Carnivorous Plants Worldwide 1923–2007 (Datensatz HF111) (2023 (Datenstand 1923–2007)). Abgerufen am 15.10.2026.

S24 Cultivating Carnivorous Plants (o. J.). Abgerufen am 15.10.2026.